Wenn ich morgens an meinem Kaffee sippe und nach dem Durchscrollen der globalen Schreckensnachrichten seufzend aufblicke, dann schillert vor mir ein riesiger Seespiegel. Darauf gleiten lautlos schmächtige Holzpirogen, auf denen Fischer ihre Netze auswerfen und bald gestikulierend und palavernd den Fang an Bord ziehen. Kein Motorenlärm – hier ist alles noch Muskelarbeit. Über der idyllischen Szene kreisen Sperber, die dann und wann in den See hinabstürzen und mit einem Fisch in den Krallen zurücksegeln an ihren Stammplatz auf dem mächtigen Avocadobaum in unserem Garten. Wir befinden uns in Bukavu, am Kivusee, einem Naturparadies im Ostkongo.
Hier ist die Welt noch in Ordnung. Es ist 7 Uhr 27, ich verabschiede mich von Isabel und breche zur Arbeit auf. Schon nach wenigen Schritten werde ich eines Besseren belehrt. Drei Geländewagen mit aufgebauten Maschinengewehren und Bankreihen voller Soldaten brausen an mir vorbei und hüllen mich in eine Staubwolke. Sie haben es eilig. Es sind die Rebellen der Bewegung 23. März, kurz M23, die vor einigen Monaten mit Unterstützung Ruandas die Stadt eingenommen haben und sich nun im Regieren versuchen, mit dem Fuss auf dem Gas und dem Gewehr in der Hand.
Nach kurzem Fussmarsch stehe ich vor einem Tor, auf dem ein Metallschild mit einem grossen Schweizer Kreuz und der Aufschrift «Coopération Suisse» prangt: Hier ist mein Arbeitsplatz und zuweilen Zufluchtsort – ich leite das Kooperationsbüro der DEZA in der Demokratischen Republik Kongo, das sich im Gesundheitsbereich, in der Berufsbildung, der Konfliktprävention und der humanitären Hilfe engagiert. Wir haben keine gepanzerten Fahrzeuge und kein aufwändiges Sicherheitsdispositiv, unsere Rüstung ist das weisse Kreuz auf rotem Grund. Jedermann kennt und respektiert es, nota bene auch die Rebellen. Die Coopération Suisse ist beliebt in Bukavu, weil wir nicht in der fernen Hauptstadt lange Berichte schreiben, sondern nahe am Krisenherd konkrete Hilfe leisten – seit 16 Jahren. Und weil wir trotz dem Vormarsch der Rebellen vor Ort ausgeharrt haben, als die UN und die meisten Hilfswerke in Bukavu ihre Büros schlossen und die Expats nach Hause schickten. Wir blieben nicht aus Leichtsinn, sondern nach reiflicher Risikoabwägung: Es ist einfacher, einen Krisenherd zu verlassen, als wieder dahin zurückzukehren, wenn die politische Lage konfus und die Not am grössten ist. Der Entscheid war richtig. Die Stadt blieb von Gefechten verschont und so konnten wir wenige Tage nach dem Einmarsch der Rebellen die humanitäre Arbeit wieder aufnehmen und unsere Partner:innen zurückholen.
Dreissig Jahre wird nun schon gekämpft im Ostkongo. Seit dem Genozid in Ruanda, der 1994 Millionen flüchtender Menschen in den Kongo trieb und das ethnische und politische Gleichgewicht durcheinanderbrachte, kommt die Region nicht mehr zur Ruhe. In zermürbenden Zyklen von Krieg und brüchigem Frieden wurden Tausende getötet, vergewaltigt und vertrieben. Befeuert wird der ethnische Konflikt vom Kampf um Land und Bodenschätze. Der Kongo ist reich an strategischen Mineralien wie Kobalt, Coltan und seltenen Erden, ohne die unsere Elektroautos, Smartphones und Applewatches nicht summen würden. Durch die «Besteuerung» und den illegalen Export dieser Ressourcen können sich Milizen wie die M23 mit Waffen versorgen. Der Technologieboom treibt die Preise an und macht den Krieg zum lukrativen Geschäft – und uns Konsumenten von Technologieprodukten ungewollt zu Komplizen. Im globalen Dorf sind wir alle irgendwie verstrickt in diesen vergessenen Kriegsschauplatz.
«Oh, c’est compliqué, c’est compliqué» ist ein populärer Ausspruch, der im Ostkongo auf fast alle Lebenssituationen zutrifft. In der Tat gibt es keine simplen Antworten auf die vielen Herausforderungen und Widersprüche, denen sich die Kongolesen täglich stellen müssen. Bukavu war in den achtziger Jahren ein beschauliches Städtchen mit 150’000 Einwohnern, guten Strassen, kolonialen Art Deco Gebäuden und touristischem Reiz. Heute ist die Stadt auf fast 2 Millionen angewachsen und platzt aus allen Nähten. Und dies nicht nur, weil die Kongolesen 7, 8 oder 9 Kinder haben. Die Stadt ist zur Fluchtburg für die Landbevölkerung geworden, die Schutz vor Kriegsfürsten sucht, welche aus dem Konflikt persönlichen Profit schlagen, indem sie Dörfer plündern und sich Ländereien einverleiben. In Bukavu haben die Kriegsvertriebenen alle umliegenden Hügel in Slums verwandelt und die Gehsteige und Strassen in Marktplätze umfunktioniert. So meckern mitten im dichten Verkehr die Ziegen, blöken die Schafe, gackern die Hühner und schnattern Gänse, die auf Käufer warten. Frauen in bunten Gewändern bieten auf dem Kopf Bananenbüschel, Zwiebelstauden und Orangenkörbe feil, die sie kunstvoll durch die Menge balancieren, während Männer schwitzend und schnaubend wie die Pferde meterhohe Bürden von Matratzen, Holzkohle und Zementsäcke vom Hafen hochschleppen. Bukavu ist ein einziges Wimmelbild von Menschen, Vieh und Vehikeln, die sich ohne Sorge um Verkehrsregeln einen Weg durch das Gewimmel bahnen und trotz Lärm und Dichtestress ihre Grazie nie verlieren.
Wir rumpeln auf einer holprigen Strasse zum Panzi, einem grossen Spitalkomplex im Süden Bukavus. Hier arbeitet der Gynäkologe Denis Mukwege, der 2018 für seinen Einsatz für die Opfer von sexueller Gewalt mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Sein Werk zeigt, dass effektive Friedensarbeit nicht auf Gipfelkonferenzen in eleganten Hotels beginnt, sondern bei den Armen an der Peripherie. Wir werden von Mukweges Assistent empfangen, der Preisträger selbst ist vor dem Einmarsch der Rebellen ins Ausland geflüchtet. In seinem Spital werden jährlich Tausende von Frauen medizinisch und psychisch gesundgepflegt. Es sind die survivors sexueller Gewalt, die grassiert im Ostkongo, mit seinen über hundert bewaffneten Gruppen – ein Krieg ausgetragen auf dem Leib der Frau. Angeschlossen ans Spital ist die Panzi Stiftung, wo die Frauen einen Beruf erlernen können. Da wird emsig geschneidert, geschreinert und frisiert. Es wird auch gesungen, getanzt und gespielt. Kongolesische Psychologinnen helfen den Opfern bei der Bewältigung ihrer Kriegstraumata, damit sie nach Monaten seelisch und physisch gestärkt und zur Leaderin geformt in ihre Dörfer zurückkehren können. Die Schweiz ist ein langjähriger Partner des renommierten Panzi Spitals. Wir besichtigen den Raum, wo der medizinische Scanner installiert werden soll, den Bundesrat Alain Berset bei seinem Besuch in Bukavu vor zwei Jahren versprochen hat, dessen Lieferung sich wegen dem Krieg jedoch verzögert. Der Raum ist muffig und unverputzt, Kabel hängen von der Decke, da gibt es noch Einiges zu tun bis zur Ankunft des teuren Geräts, das dem Provinzspital den Anschluss an die moderne Medizinaltechnik verspricht. Wir klären mit der Spitalleitung ab, wo technisches Personal ausgebildet werden kann, um den Scanner professionell zu warten, denn im Kongo ist der Unterhalt von Infrastruktur oft «très compliqué».
Einige Tage später sind wir mit dem Jeep unterwegs im Hinterland, wo die Gewaltopfer und internen Vertriebenen herstammen. Wir kommen nur langsam voran. Es regnet und die Strasse ist voller Schlaglöcher – ihrer Grösse wegen «nid d’éléphant» genannt. An manchen Stellen versinken unsere Fahrzeuge buchstäblich im Morast. Doch auch aus scheinbar hoffnungsloser Lage können wir uns immer wieder befreien, dank der Herkulesarbeit unserer Fahrer – bewaffnet mit einer Schaufel, einer Seilwinde und dem unerschütterlichen Vertrauen, dass es mit Geduld immer einen Ausweg gibt aus dem kongolesischen Schlamm. Wir fahren übrigens nicht auf einem Feldweg, sondern auf der Route Nationale 3. Dass die Strasse einmal asphaltiert war, kann ich erst glauben, als ich Überreste des Hartbelags sehe, die von Anwohnern bedeutungsvoll präsentiert werden, als handle es sich um Relikte einer Römerstrasse von historischem Wert.
Der Ostkongo ist eine bunte Patchworkdecke von Mais-, Maniok-, Kaffee- und Kartoffelfeldern, die selbst die steilsten Hügel überzieht. Jeder Quadratzentimeter Boden zwischen den Lehmhüttensiedlungen wird bepflanzt, die von Kindern nur so überquellen. Nach 5-stündiger Fahrt gelangen wir in ein Dorf, wo Menschen, die bis vor kurzem ein elendes Dasein in Flüchtlingslagern fristeten, von Mitarbeitenden unseres Projektpartners HEKS zum Gemüseanbau und zur Fischzucht angeleitet werden. Dies stärkt ihre Ernährungssicherheit und befördert die Autonomie. Stolz zeigen uns die Bäuerinnen ihre Felder mit grossen Kohlköpfen und die Männer ihre Fischteiche voller fetter Buntbarsche – sprechende Beweise einer gelungenen Wiederansiedlung.
Das Arbeiten im Ostkongo ist eine Achterbahn kontrastierender Eindrücke und Stimmungen. Einerseits bewundere ich die Vitalität der Kongolesen, die fast ohne Geld aber mit viel Elan und Kreativität die Hürden des Alltags meistern und nie aufgeben, in einem Land, das permanent im Ausnahmezustand schwebt. Gleichzeitig schockiert mich die brutale Realität des Kongos, die nicht nur mit der traumatischen Kolonialzeit, mit Krieg und westlicher Einmischung und Ausbeutung erklärbar ist. In meiner Wahrnehmung ist die Armut in diesem ressourcenreichen Land auch Folge von Nonchalance, Korruption und dem fehlenden Gemeinsinn der nationalen Eliten. Es ist irritierend zu sehen, wie die urbane Planung vernachlässigt wird, bis ganze Stadtviertel bei heftigem Regen von den Hängen gewaschen werden; wie der Abfall nicht beseitigt wird, bis er die Kanalisation verstopft und das Stadtzentrum unter Wasser setzt; wie grosse Schiffe nicht gewartet werden, bis sie samt Passagieren im See versinken und wie staatliche Bildungsaufgaben vernachlässigt werden, bis sich perspektivlose Jugendliche von Milizen anheuern lassen und zu Peinigern der Bevölkerung mutieren – oh, c’est compliqué, c’est compliqué!
Himmel und Hölle liegen im Kongo nur einen Steinwurf entfernt. Ich bin hin- und hergerissen. Meine Arbeit gibt mir heute aufwühlende Einblicke ins dunkle Herz Afrikas und führt mich morgen mitten ins Paradies, wenn ich durch blühende Landschaften in entlegene Dörfer fahre, wo mir hundert aufgeregte Kinder beim Besuch einer von der Schweiz erbauten Schule die Hand entgegenstrecken und keck zurufen: «Muzungu, ayé» – he Weisser, wie geht’s? Oder wenn mir ein ehemaliger Kindersoldat erzählt, wie er dank einer Mechanikerausbildung der DEZA die Rückkehr ins zivile Leben geschafft hat. Solche Erfolge sind Motivationsspritzen und gut fürs Gemüt. Sie kaschieren aber nicht die Beharrlichkeit struktureller Entwicklungshemmnisse wie schlechte Regierungsführung, Tribalismus und traditionelle Geschlechterrollen, gegen die kein Kraut gewachsen scheint.
Nach einem erfüllten Tag steige ich gerne auf mein Stand Up Paddle und drifte in der gleissenden Abendsonne auf den Kivusee hinaus. Dann geniesse ich die Ruhe und schätze mein Privileg im Kongo von handfesten Problemen gefordert zu werden und nicht zu leiden habe am Authentizitätsverlust im Zeitalter virtueller Parallelwelten oder mir den Kopf zermartern muss, ob der Wahl des korrekten Personalpronomens nach Einführung des dritten Geschlechts – oh, c’est compliqué, c’est compliqué!
Thomas Jenatsch, im September 2025 (tjenatsch@hotmail.com)




Das diesjährigen Boule-Turniers war ein gelungener Anlass